Gedanken zur Psychose
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- 19. Januar 2026
- Ingo Treuner
Gedanken zur Psychose
Je nach seinem Naturell trägt der Mensch schöpferische Ideen und Impulse in sich. Wirken diese Kräfte gesellschaftlich in üblich normativ geregelter Schicht sozialen Miteinanders, spricht man in deren Umgang vom gesunden Menschen. Sein schöpferisches Potenzial bleibt im eigenen Hause befriedet und erscheint in allem Tun und Lassen produktiv; er ist Teil einer in Ordnung eingepackten Welt.
Doch geht Gehalt und Energie dieses schöpferischen Potenzials über diesen Kreis hinaus, ist dies als − „außerordentlich“ − mit naturhaft ursprünglichen Kräften reicher und dichter und impulsiver ausgestattet, so können Tür und Tor ihres sonst so aufgeräumten sozialen Hauses bersten.
Unausgewogen, ungebremst und ungestüm, vom inneren Antrieb hochgespannt, sucht die üppige Produktionskraft der Natur sich nun sturmartig den Weg ins Freie.[1] Solcher Mensch fließt in einem gewaltigen Gedankenstrom und dieser überflutet die Momente seiner sozialen Verbindlichkeit und koppeln ihn rigoros vom Tragwerk geübten menschlichen Miteinander ab. Ein solcher Mensch hat ausgepackt und er zeigt sich als Störgröße im ausgeregelten Kreis normalen bürgerlichen Verhaltens. Doch in seinem ursprünglichen Sein und Wesen hat dieser Auspackende sein grundeigenes natürliches Gleichgewicht, welches man Gesundheit nennt, nicht verlassen, sondern er wird nur auf soziokultureller Waage seiner Mitmenschen jetzt als krank gewichtet. Mittels moderner Pharmazie können die „außerordentlichen“ Menschen vor ihrem Auspacken ihrer überreichen schöpferischen Kräften durch ärztliche Kunst befriedet werden. Doch selbst in diesem besorgten Haus lauert ständige Gefahr. Denn die Kräfte äußeren oder selbsteingebrachten Stresses des Gefährdeten überwinden geschütztes Haus und öffnen erneut Tür und Tore – er oder sie packt aus.
Ist das sozial verbindliche Haus durch Medikamente dauersaniert und gesichert, können nur noch Stressfaktoren Tür und Tor öffnen. Da alles fließt, scheint uns am Ausdruck der Wahrheit zu hindern (Wittgenstein). Die in der Stresssituation unter Bedrückung und Bedrängnis entweder äußere oder eigenaufgewendete Kraft ist entweder durch ihre Dauer über die Zeit, oder plötzlicher Intensität so gewaltig, dass der Mensch ihr ohne Widerstand selbst leidend ausgeliefert ist. Doch die damalig nicht zur Entladung gelangten Gegenkräfte oder im Leiden überstrapazierten Kräfte sammeln sich nach und nach und, wie von einer Lupe auf einen Brennpunkt fokussiert, entfesseln sie über die Zeit nun rücksichtslos die gespeicherten Gegenkräfte mit unkontrollierter Mächtigkeit. Dieser Mensch nimmt an seinem Ursprungsdefizit wieder teil; frei sich fühlend hat er ausgepackt.
Wie im üblichen Leben auch. Vollendet geglaubte Abläufe bringen sich in ihrer eigentlichen Bedeutung erst im nachfolgenden Denken und Sein zum tatsächlichen Geschehen, was sich dann Wirkung nennt. Mit dem Wachsen zur Psychose stehen wir vor echter Emergenz, wonach höhere Seinsstufen durch neu auftauchende Qualitäten aus niederen entstehen. Deswegen gilt das Unfertige als Vorläuferin des Abstrakten. Die eintretende Psychose ist neu auftauchende Qualität. (Schisma Spaltung? Schizophrenie? Nein. Eher paranoider Schub, weil jenseits von Selbstüberhebung und außerordentlichen Vorstellungen geordnetes kausalplaubsibles Denken und Handeln fortwirkt. Der Schub ist keine Spaltung, nicht getrennter Pfad, sondern direkter Durchstieg ins Unbewusste zu ungeschützter Entfaltung starker kreativer Kräfte. Doch dieser Lauf ist keine Einbahnstraße. So kommt es dazu, dass der Betroffene eruptiv manch Falsches tut, obwohl er Richtiges kennt. Das ist das Diktat der Vergangenheit über die Macht der Gegenwart. Die Psychose ist williges Werkzeug ehemaliger Not und Bedrängnis.
Ingo Treuner
01/2026
[1] Im Extrem: Dionysischer Rausch, orgiastische Leidenschaft, Ekstase, Kräfte der Natur, die sich jenseits geordneten Umgangs rücksichtslos ausleben.